Sanierungsfall Märchenwald – Theaterabend voller Witz und Tiefgang

Ein Karton mit dem bekannten „Z" landet auf der Bühne, der Prinz öffnet ihn und zieht einen besonderen Schuh heraus – nicht aus einer verzauberten Schatulle, sondern ganz profan aus einer Versandverpackung. Als der Schuh dann auch noch nicht passt, haben Aschenputtels Stiefschwestern die pragmatische Lösung parat: Einfach zurückschicken und die richtige Größe nachbestellen. Ein kleines Detail, das in aller Komik zeigt, worum es an diesem Abend ging: altbekannte Märchen, schonungslos in die Gegenwart geholt.
Genau mit solchen Einfällen begeisterte ein Theaterabend mit dem Stück „Ach, wie gut, dass niemand weiß" von Marie Schwarz. Die ausgezeichnet besuchte Aufführung war zugleich ein weiterer Höhepunkt der Bildungswoche Ursulinenkloster und bot damit einer breiten Öffentlichkeit die Gelegenheit, die Theaterarbeit unserer Schule zu erleben. Für das leibliche Wohl in der Pause sorgte dankenswerterweise der Freundeskreis der Schule, der die Bewirtung übernahm und so für einen rundum gelungenen Abend sorgte.
Den Rahmen der Handlung bildet eine ganz alltägliche Szene: Ein Kind bittet seine Mutter um ein Gute-Nacht-Märchen – aber bitte ein anderes als immer. Während die Mutter noch vorliest und das Kind einschläft, zeigt sich später, wie der Vater die Vorlesepflicht kurzerhand an die KI-Box „Hexer" delegiert. Kommentiert das Kind kritisch, liefert die Box prompt Kuchenrezepte und Wikipedia-Wissen nach – ein süffisanter Seitenhieb auf digitale Bequemlichkeit, der beim Publikum für Schmunzeln sorgte.
In diese Rahmenhandlung eingebettet ist der eigentliche Kern des Stücks: Die Märchen-GmbH befindet sich in der Krise. Die Absatzzahlen sind im Keller, eine außerordentliche Betriebsversammlung wird einberufen, Panik macht sich breit, als die Hexe Raffzahn verkündet, es gehe „um Leben und Tod". Die Lösung? Mehr Action, härtere Konflikte, radikale Neuerungen. Schneewittchen soll böse werden, Tiere quälen und ins Internat geschickt werden – „Dieses Gesülze widert mich an", zischt die böse Stiefmutter. Werbefachmann Max Mustermann will Aschenputtel mit Deo-Claims und Outfit-Tipps aufpeppen und ihr später sogar eine „Prinzenrolle" andrehen, damit sie  einen Prinzen „vernaschen" kann.
Per Zauberspiegel blickt Hexe Raffzahn derweil in die einzelnen Abteilungen ihres Konzerns: Bei Rotkäppchen verhindert eine überbesorgte, auf Selbstfindung bedachte Helikopter-Mutter jeden Waldspaziergang, während die Großmutter sich altersbedingt keine neuen Texte mehr zutraut und irgendwann in der  Seniorenresidenz „Waldesruh" landet. Aus dem Wolf und den sieben Geißlein wird kurzerhand der Versicherungsvertreter und die sechs Kids, der Wolf agiert in Personalunion als Rotkäppchen und Großmutter zugleich. Und Schneewittchen mag partout keinen „Ökofraß" mehr.
Während die Märchenfiguren um ihre Unverzichtbarkeit rangeln, weil Rollen gestrichen werden sollen, belauscht Rumpelstilzchen die Hexe Raffzahn – und erfährt den wahren Grund für die Sparmaßnahmen: Raffzahn will selbst Profit machen, unter anderem um sich die Nase reparieren zu lassen. „Wir müssen noch moderner, effizienter, kostensparender werden", predigt sie – während Aschenputtel dagegenhält: Gerade in hektischen Zeiten brauche es Ruhe und Muße für Märchen; das Lesen der Linsen aus der Asche habe geradezu meditative Qualität.
Als Rumpelstilzchen die Hexe schließlich als Hochstaplerin entlarvt – sie kommt in Wahrheit in gar keinem echten Märchen vor –, ist der Bann gebrochen. Raffzahn findet am Ende doch noch ihren Platz: in einem neuen Märchen, das dem Kind aus der Rahmenhandlung vorgelesen wird – „Der reiche König und die böse Hexe Raffzahn". Und während das Märchenreich gerettet ist, feiern alle gemeinsam ihren Retter Rumpelstilzchen und die eigene Fortexistenz.
Was dieses Stück so besonders machte, war seine Anschlussfähigkeit für ein Publikum jeden Alters: Erwachsene entdeckten in den Dialogen der Märchenfiguren so manche pointierte Gesellschaftskritik, jüngere Geschwister freuten sich einfach über die vertrauten Märchengestalten, und Jugendliche erkannten ihre eigene Sprache wieder – liebevoll aufgegriffen und zugleich augenzwinkernd persifliert.
Der lang anhaltende Applaus und die spürbare Begeisterung im Publikum waren der verdiente Lohn für ein Ensemble, das mit Witz, Spielfreude und einer klugen Textfassung überzeugte. Ein herzlicher Dank gilt der äußerst gelungenen Gesamtleitung Andrea Böhm und Veronika Strejc sowie der Bühnentechnik Peter Kulzer und Alexander Lang für einen rundum gelungenen Theaterabend. (Sf)