







„Es gibt Momente, die nur mit der eigenen Stimme funktionieren.“ Mit diesem Satz brachte Schulleiterin Dunja Müller auf den Punkt, was die Abschlussfeier der Ursulinen-Realschule prägte: 114 junge Frauen erhoben ihre Stimme – dankbar für das Erreichte, nachdenklich beim Blick zurück und erwartungsvoll angesichts der Wege, die nun vor ihnen liegen.
Dass die eigene Stimme durch keine Künstliche Intelligenz zu ersetzen ist, stellte auch Schülersprecherin und Absolventin Anja Vogl augenzwinkernd unter Beweis. Vor ihrer Rede habe sie eine klare Warnung erhalten: „Widersteh der Versuchung, die Rede mit KI zu schreiben.“ Daran habe sie sich gehalten – und nahm ihr Publikum stattdessen mit auf eine höchst persönliche Achterbahnfahrt durch sechs Jahre Ursulinen-Realschule. Im September 2020 seien Waggons mit neuen Passagierinnen gestartet. Doch schon bald habe die dramatische Musik eingesetzt: ein zweiter Lockdown, Unterricht über Teams, Hausaufgaben und Videokonferenzen statt Schullandheim und Kennenlernfest. Auch die Corona-Tests am frühen Morgen seien unvergessen: „Wenn ich daran denke, tut mir immer noch die Nase weh.“ Später folgten die nächsten Loopings – Zweigwahl und schließlich die Abschlussprüfungen. Mancher Sitz habe stärker geholpert als andere, doch die Lehrkräfte hätten immer darauf geachtet, dass niemand aus der Bahn fiel. Vogl dankte allen, die diese Fahrt möglich gemacht hatten: der Schulleitung und den Lehrkräften ebenso wie den Hausmeistern, die an den sengend heißen Prüfungstagen schon frühmorgens für frische Luft sorgten, den Reinigungskräften, dem Sekretariat und der Pforte, wo bei Bauchschmerzen auch einmal eine Wärmflasche bereitstand. Nun halte der Waggon an. Nicht alle Passagierinnen würden denselben Weg einschlagen, doch keine werde die gemeinsame Fahrt vergessen.
Wie viel sprachliche Ausdruckskraft in diesem Abschlussjahrgang steckt, bewies anschließend Dana Kumpfmüller. Die mehrfache Preisträgerin von Jugendliteraturwettbewerben verdichtete in einem eindrucksvoll performten Poetry-Slam Erinnerungen und Abschiedsschmerz: „Sie sagen, lass es gehen, lass es gehen, während Winde aus Momenten sich um dich drehen.“ Noch einmal ließ sie das Sitzen in der Turnhalle mit schwitzigen Händen, die Prüfungsbögen und jenen Moment lebendig werden, in dem der Stift zum letzten Mal vom Papier abgesetzt wurde.
In ihrer ersten Rede an einen Abschlussjahrgang griff Schulleiterin Dunja Müller die Frage auf, wie junge Menschen mit hohen Erwartungen und möglichen Rückschlägen umgehen können. Mit Bezug auf Papst Leo XIV. betonte sie, kein Algorithmus könne ersetzen, was Bildung im Kern ausmache: „Im Irrtum eine Chance sehen, nicht einen Makel.“ Gerade die scheinbar perfekten Bilder in sozialen Netzwerken erzeugten einen Anspruch, der mit dem wirklichen Leben wenig zu tun habe. Dort sehe man stets das gelungene Foto, aber selten die vielen Versuche, die ihm vorausgingen.
Müller erinnerte an Blaise Pascals Bild vom Menschen als „denkendem Schilfrohr“: zerbrechlich und unvollkommen, aber gerade deshalb groß, weil er um seine Verletzlichkeit weiß. Auch im christlichen Glauben gebe es eine Antwort auf den Perfektionsdruck: die Gnade. Sie sei bereits da, bevor eine Leistung beginne, und schenke den Mut, etwas zu wagen, das auch misslingen könne. „Es geht nicht um Makellosigkeit – auch wenn ihr heute alle sehr makellos ausschaut“, sagte Müller mit Blick auf die festlichen Kleider und Frisuren. Wer sich hohe Ziele setze, werde zwangsläufig häufiger danebengreifen als jemand, der sich mit Mittelmaß zufriedengebe. Der Umweg über das Misslingen sei der Preis für den Anspruch, nicht der Ersatz für Anstrengung. Die Absolventinnen verließen die Schule daher nicht als makellose junge Frauen, sondern mit einem Abschluss und einer „Landkarte“ für ihren weiteren Weg.
Dankbarkeit hatte bereits den Gottesdienst in der Kirche St. Jodok bestimmt. Schulseelsorger Armin Weyers und Religionslehrerin Petra Heimerl stellten das Evangelium von der Heilung der zehn Aussätzigen in den Mittelpunkt. Nur einer von ihnen kehrt zu Jesus zurück, um ihm zu danken. In einer szenischen Lesung mit verteilten Rollen wurde deutlich: Dankbarkeit funktioniert nicht auf Knopfdruck. Sie verlangt Achtsamkeit und eine bewusste innere Haltung.
Auch die Festredner blickten weniger auf Noten als auf den Weg dorthin. Stadtrat Florian Lechner, der Oberbürgermeister Thomas Haslinger und Landrat Alfred Holzner vertrat, bezeichnete den Abschluss als Erfolg der Schülerinnen selbst – als Ergebnis von Fleiß, Ausdauer und der Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen.
Elternbeiratsvorsitzende Gundula Goldner hatte das Abschlussjahr durch ihre Tochter hautnah miterlebt. Zu Beginn habe es wie ein riesiger, steiler und bedrohlicher Berg gewirkt. Goldner wünschte den jungen Frauen, dass sie noch viele Berge bezwingen – und kündigte an, diesen Erfolg selbst kräftig mitzufeiern.
Musikalisch verliehen die Schülerinnen dem Abend ebenfalls ihre ganz eigene Stimme. Eva Fleischmann aus der Klasse 10b eröffnete den Festakt am Klavier mit „Je te laisserai des mots“, Louisa Buchner spielte „Rue des trois frères“. Für einen energiegeladenen Höhepunkt sorgte Erna Kummer aus der Klasse 10a mit einem Schlagzeugsolo gemeinsam mit Musiklehrer Matthias Scholz.
Bei der Begrüßung hatte Dunja Müller den Absolventinnen ein Wort der Ordensgründerin Angela Merici mitgegeben: „Haltet euch an den alten Weg und lebt ein neues Leben.“ Unter den Gästen hieß sie auch ihre Amtsvorgänger Bartholomäus Huber und Angela Schleibinger willkommen. Ihr Dank galt außerdem Stadt und Landkreis, der gesamten Schulgemeinschaft sowie Alexandra Trupke und Raluca Vilzmann, die nach dem Schulabschluss ihrer Töchter aus dem Elternbeirat ausschieden.
Höhepunkt des Festakts war die Zeugnisvergabe an die 114 Absolventinnen. Madeline Hecht und Anja Vogl erreichten jeweils die Traumnote 1,0. Chiara Schuh und Dana Kumpfmüller schlossen mit 1,18 ab, Veronika Staude mit 1,20. Für Ergebnisse bis 1,50 wurden außerdem Claudia Kölbl, Veronika Reiser, Veronika Thurmaier, Lena Bredo, Louisa Buchner, Leonie Altenhof und Isabel Esterl ausgezeichnet. Der Elternbeirat überreichte den Besten Buchgutscheine.
Am Ende dieses besonderen Tages waren es erneut die eigenen Stimmen, die zählten: bei Gesprächen und Glückwünschen, beim gemeinsamen Erinnern und beim Feiern. Mit gutem Essen, DJ-Musik, Tanz und zahllosen Fotos klang der Abend aus. Die Achterbahnfahrt durch die Schulzeit war beendet – doch die nächste Reise hatte bereits begonnen. (Sf)
