











(Sf) „Das war der Schlafsaal 13!“ – Kaum bleibt die Gruppe der Schulführung vor dem heutigen Sekretariat stehen, platzt es lachend aus einer ehemaligen Schülerin heraus. Ein Satz, der den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart wohl kaum treffender schlagen könnte: Denn wenn es an unserer Schule einen Raum gibt, der inhaltlich meilenweit von einem ruhigen Schlafsaal entfernt ist, dann ist es die Schaltzentrale des Hauses. Gerade nach dem großen Umzug und dem Neustart in den ehrwürdigen Gebäuden des ehemaligen Klosters wird hier Tag für Tag auf Hochtouren gearbeitet.
Dieser heitere Auftakt stand sinnbildlich für den gesamten Ehemaligentag: Ein Tag voller Wiedersehensfreude, gelebter Schulgeschichte und einer riesigen Portion Nostalgie, zu dem unzählige Absolventinnen aller Generationen den Weg zurück an ihre Ursulinen-Realschule fanden.
Der Andrang war von Beginn an überwältigend. Auch viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen ließen es sich nicht nehmen, an ihre alte Wirkungsstätte zurückzukehren. Besonders berührend war der generationenübergreifende Blick auf die Gäste: Jüngste Absolventinnen, die erst im vergangenen Sommer ihren Abschluss gefeiert hatten, mischten sich unter Frauen, die bereits in den 1960er-Jahren die Schule verließen. Die älteste und noch überaus rüstige Besucherin war stolze 90 Jahre alt und plauderte lebhaft aus dem Nähkästchen ihrer Schulzeit. Ob nun die Enkelin in der Zeitung vom Ehemaligentag gelesen und die Oma mitgebracht hatte – oder ob die moderne Großmutter es auf Instagram entdeckt und ihrer Enkelin weitergeleitet hatte: Am Ende kamen die Generationen Hand in Hand, um gemeinsam ihre alte Schule zu besuchen, die sich heute in ganz neuem Licht präsentiert.
Bei den angebotenen Schulhausführungen sprudelten die Anekdoten nur so hervor. Im Meditationsraum erkundigte sich eine Besucherin mit einem Schmunzeln, ob es eigentlich noch die Schulbeichte gebe. Damals, so erinnerte sie sich, ging es jeden Herz-Jesu-Freitag, also einmal im Monat, zum Beichten: „Das war immer richtig schwierig, in den drei Wochen dazwischen genügend Sünden zu sammeln, um in der Beichte wieder was sagen zu können – wir waren ja sowieso viel zu brav!“
In der Gruft der Ursulinenschwestern wiederum lebten Erinnerungen an das einstige Hosenverbot auf. Für Mädchen schickte sich eine Hose damals schlichtweg nicht. Wer erwischt wurde, musste einen Rock darüberziehen; wer mit dem Rad kam, streifte den Rock kurzerhand bei der Ankunft über die Hose, und im Winter war das Frieren vorprogrammiert. Mit sichtbarem Stolz berichtete eine Ehemalige, wie eine kleine „Revoluzzerinnengruppe“ das Verbot schließlich Schritt für Schritt zu Fall brachte.
Auch eine süße Erinnerung kam bei der Führung ans Licht: Eine Besucherin wusste noch genau, dass die Schwestern an besonders heißen Tagen am Fenster des heutigen Werkraums Eis verkauften. Eine Kugel kostete damals gerade einmal 10 Pfennige – allerdings gab es eine klare Obergrenze: Mehr als zwei Kugeln durfte keine Schülerin kaufen. Ob diese Regel damals für lange Gesichter oder umso bewusster genossene Eiskugeln sorgte, blieb offen.
Auch vor der Bilderwand mit den Porträts der Schwestern wurde intensiv verweilt. Jede Besucherin verband ein Gesicht mit einer ganz persönlichen Geschichte. Großen Respekt zollte man etwa Sr. Raphaela: Sie habe anfangs zwar sehr viel gefordert, später jedoch einsichtig erkannt, dass der Mensch vor der Leistung stehen müsse. „Dass sie damals zugegeben hat, manches zunächst zu streng gesehen zu haben, rechne ich ihr bis heute hoch an“, war aus der Runde zu hören.
Und selbst die heutigen Lehrkräfte blieben von alten Geschichten nicht verschont: Gelacht wurde über jenen Schultag im Heiliggeist-Stüberl, an dem der Deutschlehrer am liebsten im Boden versunken wäre, als ausgerechnet seine beste Schülerin in Sachen Grammatik am Tresen lautstark eine „Schnitzelsemmel mit alles“ bestellte.
Doch der Ehemaligentag bot weit mehr als Erinnerungen und Gespräche. Ein abwechslungsreiches Programm lud dazu ein, die Schule und ihre heutigen Möglichkeiten neu zu entdecken – und dabei selbst aktiv zu werden. Wer in Erinnerungen schwelgen wollte, konnte bei der Ausstellung zur Schulgeschichte in alte Zeiten eintauchen oder bei einer eigens gestalteten „Korkweltkarte“ die Topografie der Erinnerung erkunden. Andere zog es zu den Ausstellungen über die Entwicklung der Maschinenschrift und zu den Stenokarten.
Auch die Fachschaften präsentierten ihre Arbeit: So konnten die Gäste beispielsweise bei „Stadt, Land, Frankreich“ französische Unterrichtsinhalte wiederentdecken, sich an mathematischen Knobeleien versuchen oder Einblicke in die Welt der Robotik gewinnen. Beim Programmieren eines Linienfolgers wurde sogar sichtbar, wie sich Lernen und Technik im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Wer wollte, konnte sich außerdem bei einer Chemie-Show überraschen lassen, bei musikalischen Beiträgen in Erinnerungen schwelgen oder eine Taste auf der Lyrik-Jukebox drücken.
Besonders vielfältig ging es im Klostergarten zu. Dort warteten unter anderem eine Kräuterlimonade, das Herstellen von Samenbomben und ein Bestäuberspiel für Kinder. Ein Barfußpfad und ein Fotopoint luden zum Verweilen und zu gemeinsamen Erinnerungsbildern ein. Auch ein Gästebuch der etwas anderen Art bot Gelegenheit, persönliche Eindrücke festzuhalten. Wer sich eine kleine Erinnerung mit nach Hause nehmen wollte, konnte außerdem Bio-Produkte einer ehemaligen Schülerin erwerben oder an der Ursula-Waffel-Bar vorbeischauen.
Für das leibliche Wohl sorgte neben Kaffee, Kuchen und weiteren kulinarischen Angeboten auch die Kaffeelounge des Freundeskreises. So wurde der Klostergarten nicht nur zum Ort des Entdeckens, sondern auch zum lebendigen Treffpunkt für ehemalige Schülerinnen, ihre Familien und die Schulgemeinschaft.
Einen geistlichen und besonders verbindenden Höhepunkt des Programms bildete gleich zur Eröffnung des Tags die Andacht mit Pfarrer Armin Weyers. In der feierlichen Atmosphäre hielten viele inne, dankten für die gemeinsame Zeit, die geprägten Lebenswege und gedachten auch der bereits verstorbenen Mitschülerinnen und Schwestern.
Musikalische Beiträge begleiteten den Tag und schufen immer wieder besondere Momente des Innehaltens. Nach dem herzlichen Empfang und dem Wiedersehen bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen nutzten die Gäste die Zeit intensiv für lange Gespräche, das Durchblättern alter Chroniken und Jahrgangsfotos und das Auffrischen von Freundschaften, die oft schon Jahrzehnte überdauern. Die verschiedenen Ausstellungen, Mitmachangebote und Begegnungsorte machten es leicht, zwischen persönlichen Erinnerungen und neuen Eindrücken hin und her zu wechseln.
Trotz all der strengen Regeln vor einigen Jahrzehnten war das Fazit der Frauen völlig einhellig: Auf die Frage, ob man denn heute gerne zurückkomme, nickten alle aus voller Überzeugung. Man habe hier eine wunderbare Zeit verbracht, eine exzellente Bildung erhalten und sei bestens aufs Leben vorbereitet worden. Zudem zeigte sich tiefe Begeisterung über den gelungenen Umbau: „Was für wunderschöne Räume! Gibt es überhaupt irgendwo eine Schule, die so viel Geschichte und moderne Lernkultur so harmonisch vereint?“
Am Ende des Tages verließen die Besucherinnen das Schulhaus mit strahlenden Gesichtern – und dem Wissen: Zeiten ändern sich. Wo einst im Schlafsaal 13 die Lichter gelöscht wurden, ist heute der Geist der Herzlichkeit, Bildung und Gemeinschaft lebendiger denn je.

