
Die Trümmerliteratur der Nachkriegszeit steht in der Klasse 10d derzeit auf dem Lehrplan: Ausgangspunkt war Günter Eichs berühmtes Gedicht „Inventur“ aus dem Jahr 1945, in dem ein Kriegsgefangener in denkbar knapper, reduzierter Sprache seine wenigen, überlebenswichtigen Habseligkeiten auflistet.
Doch was passiert, wenn man diese schonungslose Bestandsaufnahme in unsere heutige Zeit überträgt? Schülerinnen der 10d stellten sich genau dieser Aufgabe und verfassten Parallelgedichte, in denen sie ihre ganz persönliche „Inventur“ im Jahr 2026 vornahmen.
Ein besonders gelungener Text stammt von Amina Wegesser. Ihr ist es gelungen, die sprachliche Form und die melancholische Ruhe des Originals exakt einzufangen und das Gedicht dennoch unverkennbar im modernen Schulalltag von 2026 zu verankern.
Wer Günter Eichs Original kennt, erkennt sofort den Rhythmus und die Struktur wieder. Amina nutzt die gleiche schmucklose, direkte Sprache. Doch anstatt von Konservendose, Nagel und Bleistiftmine lesen wir von Stoffbeuteln, Kopfhörern und Radiergummis.
Interessant ist, wie Amina das Motiv des Überlebens in den Alltag einer Jugendlichen übersetzt. Wo Eichs lyrisches Ich gegen den physischen Hunger und die Gefangenschaft kämpft, geht es hier um das Bestehen im mitunter tristen Schulalltag: Der Schal wird zum Kissen auf dem harten Schultisch, die Jacke schützt vor der morgendlichen Kälte – kleine, behelfsmäßige Schutzräume in der Lebenswelt Schule (Sf).
