Arlinda Hashani: distance und Francesca Albertini: Addio

Für viel Wirbel hat in Berlin Eugen Gomringers Gedicht "avenidas" gesorgt, das zu den bekanntesten Werken der von Gomringer mitbegründeten Konkreten Poesie gehört. Der bolivianisch-schweizerische Autor hat in seinem Gedicht Worte so angeordnet, dass sie Beziehungen eingehen, wie einzelne Sterne in einem Sternbild. Ungeachtet des Streits, der an der Alice-Salomon-Hochschule zu diesem Gedicht ausgebrochen ist, haben Arlinda Hashani und Francesca Albertini aus der 10c persönliche Parallelgedichte zu avenidas verfasst und dabei wie Gomringer an ihre eigenen sprachlichen Wurzeln, also ans Albanische bzw. Italienische angeknüpft. Beim Klick aufs Videosymbol lesen die beiden ihre Texte vor.

Vivien Schnürer: Der Schatz im geheimnisvollen Wald

Es war ein sonniger Sonntagmorgen, 10:30 Uhr, um genau zu sein. Ich hatte heute mit meiner gleichaltrigen Nachbarin Ella vereinbart, mich mit ihr in dem geheimnisvollen Wald zu treffen, der an mein Haus angrenzte. Es wurden zwar öfter einmal seltsame Geschichten über ihn erzählt, doch trotzdem dachten Ella und ich nicht, dass wir in diesem Wald einen echten Schatz finden würden.

„Komm schon, Paul!“, rief Ella von oben. Ich blickte hoch und verdrehte die Augen, als ich sah, dass sie sich es schon auf einem Ast bequem gemacht hatte. Im Stillen fragte ich mich, wie sie nur so schnell diesen Baum hochklettern konnte. Ich hatte Mühe, überhaupt hinterherzukommen. Endlich erreichte ich den Ast über mir und zog mich langsam daran hoch. Das harte Holz grub sich in meine Hände, doch ich biss tapfer die Zähne zusammen. „Du bist aber langsam!“, maulte Ella, als ich mich auf den Ast ihr gegenüber setzte. „Gar nicht wahr.“ Ich verschränkte die Arme beleidigt. „Das ist ungerecht. Du hast einfach bessere Schuhe an als ich“, verteidigte ich mich. Sie lachte und gab mir einen Klaps auf die Schulter. Ich schmunzelte und blickte glücklich über den nun überschaubaren Wald hinweg. Ich lehnte mich an den harten Baumstamm und genoss die Stille. Immer wieder ertönte leises Vogelzwitschern und unterbrach kurz die Ruhe. Der Wind rauschte durch die Bäume und immer wieder guckte die Sonne durch die Baumkronen und strahlte warm auf meinen Rücken. „Hey!“ Ella rüttelte mich an der Schulter und zeigte auf den modrigen Waldboden. „Guck mal, da unten ist jemand.“ Und wirklich, mitten im Wald stapfte unter uns ein Mann durch das Gestrüpp. „Bestimmt nur der Förster“, sagte ich mehr zu mir selbst als zu Ella. „Der sieht doch bestimmt nur nach, ob mit den Bäumen alles in Ordnung ist und setzt sich dann ganz normal, wie das Förster so tun, auf seinen Hochsitz. Vielleicht ist es ja auch nur ein Jogger“, flüsterte ich zu mir selbst. Aber es war kein Jogger und auch kein Förster. Der Mann hatte einen Aktenkoffer bei sich und trug eine dunkle Sonnenbrille. Er sah sich mehrmals panisch um und als sein Handy klingelte, erschrak er so sehr, dass er kurz aufschrie. Ella kicherte. „Guck mal, Paul, wie der sich anstellt.“ Ich antwortete nicht und beobachtete ihn weiter. Jetzt klappte er sein Handy auf und murmelte etwas. Was, wenn er eine Pistole dabei hat, dachte ich. Er würde doch bestimmt keinen Kindern wehtun, oder? Wir müssen ganz still sein, wiederholte ich wieder und wieder in meinem Kopf. Wir müssen ganz still sein…. Plötzlich ließ er den Koffer fallen und war genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Mir schlug das Herz bis zum Hals, noch mehr, als ich sah, wie Ella auf einmal vom Baum heruntersprang. „Wow!“, rief sie und winkte mich zu sich herunter. „Guck dir das mal an!“ Ich sprang auch herunter und schlug mir die Knie auf, was ich aber aus Neugier genauso ignorierte, wie mein immer stärker werdendes Hungergefühl. Sie klappte den Koffer noch einmal für mich auf und zeigte mir die vielen Hundert- und 500-Euro-Scheine, die fein säuberlich geordnet waren. „Was machen wir damit?“, fragte ich, ohne meinen Blick von dem Geld abzuwenden. „Behalten! Das ist unser Schatz!“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht. Ella, wir müssen ihn zur Polizei bringen.“ Sie verdrehte erst die Augen, aber nickte dann.

Und so fanden wir den Schatz im Wald, den wir später auch zur Polizei brachten. Den geheimnisvollen Mann allerdings habe ich nie wieder gesehen.

Vivien Schnürer hat den Text im Rahmen einer Schulaufgabe (Erzählen zu einem Bild) im Schuljahr 2017/2018 als Schülerin der 8f verfasst.

Elena Bieringer: Der perfekte Tag

Ich bin so aufgeregt, dachte ich mir, als ich nur in Unterwäsche vor dem Ganzkörperspiegel stand und auf meine Schwester wartete. Ich hatte schon lange auf diesen Tag hingefiebert und heute musste alles perfekt sein. Ich drehte meinen Kopf ein wenig nach links, um das weiße Kleid, aufgehängt an einem hellbraunen Kleiderhaken, sehen zu können. Der obere Teil war weiß und weiter unten wurde es dann langsam hellblau. Ebenfalls gab es dicke Träger und eine lange Schleppe mit kleinem Blumenmuster darauf. Ein Traum, dachte ich mir, als ich das zweitausend Euro teure Gewand betrachtete. Meine Gedanken wurden von meiner kleinen Schwester Syntia unterbrochen, als sie mit dem Schleier zurück in das Ankleidezimmer kam. „Jetzt steh da nicht so rum. Du hast nicht mehr so viel Zeit, also zieh endlich das Kleid an“, schimpfte sie sanft, als sie den Schleier über einen Stuhl legte und mit dem Kleid zu mir herüberkam. Sie öffnete den Reißverschluss und ich schlüpfte schnell hinein, bevor sie anfing, das Gewand wieder zuzuknöpfen, doch bei der Hälfte hörte sie plötzlich auf. „Was ist los?“, fragte ich etwas in Panik geraten. „Passt das Kleid etwa nicht mehr? Oh Gott! Was soll ich denn jetzt tun?! Ich hätte bei der Kuchenprobe doch nicht soviel essen sollen“, schrie ich verzweifelt und ich spürte, wie Tränen sich in meinen Augen sammelten. „Jetzt hör doch auf, so rumjammern“, sagte Syntia gereizt. „Der Reißverschluss hat sich nur eingeklemmt.“ Und wie auf Stichwort fuhr sie mit ihrer Arbeit fort, bis das Kleid zu war und ging weg, um den Schleier zu holen. Erleichtert atmete ich aus und versuchte, mein schnell schlagendes Herz wieder zu beruhigen. Syntia kam zurück und steckte mir den Reifen in die Haare. „Vorsichtig!“, rief ich aus „Du zerstörst die Frisur!“ „Keine Sorge, du Drama-Queen!“, lachte meine kleine Schwester und ich warf ihr durch den Spiegel einen genervten Blick zu. Warte nur, bis du mal heiratest, dachte ich mir und konzentrierte mich wieder auf die Hände, die vorsichtig den Haarreif des Schleiers in meine Haare steckten. Ich wette, du würdest genau so aufgeregt sein. „Wow“, murmelte ich, als Syntia einen Schritt zurücktrat und mich allein vor dem großen Spiegel ließ. „Das sieht ja noch besser aus als bei der Anprobe.“ „Jetzt komm. Papa wartet draußen“, sagte sie und auf einmal wurde ich extrem aufgeregt. Es passiert wirklich, ich werde heiraten! Und Kris wird bestimmt ganz toll in seinem Anzug aussehen. Hoffentlich wird alles so sein wie gedacht. Es muss perfekt werden! Ich spürte, wie meine Hände schwitzig wurden und mein Herz anfing, wieder schneller zu schlagen. Meine Schwester nahm die lange Schleppe in die Hand und ging hinter mir nach draußen, damit der weiße Stoff nicht schmutzig wurde. Draußen wartete schon mein Vater vor dem Hochzeitswagen. Das Auto hatte ich vorher noch nicht gesehen, aber es sah wirklich toll aus mit seiner bronzefarbenen Lackierung, den bunten Blumen und den lila Schleifen. „Du siehst wunderschön aus“, sagte er und nahm meine Hand mit einer seiner Hände, während er mit der anderen die Autotür öffnete. „Danke“, sagte ich errötend, als ich in das Fahrzeug stieg und meine Schwester die Schleppe ebenfalls hineinlegte. Na dann los, dachte ich mir, als ich die Tür schloss und den Sicherheitsgurt anlegte. Hoffentlich läuft alles nach Plan.
  
Elena Bieringer hat den Text im Rahmen einer Schulaufgabe (Erzählen zu einem Bild) im Schuljahr 2017/2018 als Schülerin der 8f verfasst.

Melanie Kilian: Vor, zurück, vor, zurück, Tsunami

Babysitting. Ja, ja man stellt sich von man kümmert sich à la Mary Poppins um die Kinder: Die Kinder gehorchen auf Anweisungen wie kleine Soldaten und es ist leicht verdientes Geld, mal ein paar Stunden auf die Rasselbande aufzupassen. Das wird ein Kinderspiel. Man stelle sich folgende Situation vor: Die Mutter der Kinder ruft mich an und eine halbe Stunden später stehe ich auf der Matte, um mich um meine Schützlinge zu kümmern.

Mein Triple-Trouble: zehn Monate, zwei und vier Jahre alt. Die Kleine kann aus ihrem Bett nicht weg und die zwei Großen sind in etwa so leicht zu finden, wie ein Elefant im Porzellanladen, einfach nur dem Lärm nach. Das Kinderzimmer: die Puppen, Autos und Kuscheltiere liegen überall auf dem Boden herum. Für mich grenzt es an eine Unmöglichkeit, mich normal in diesem Raum zu bewegen.  Ein schrecklicher Schmerz durchfährt meinen Fuß. Ein Legostein, Lego duplo, ein Vierer - Das sind die schlimmsten, unzerstörbar diese Dinger! Natürlich habe ich gerade noch die Hände voll. kann mich nicht abfangen, um auf keinen Fall auf eines der Kinder zu fallen, rolle ich mich mit einer doppelten Ninja-Rolle zur Seite. Ich liege in der stabilen Seitenlage in einem Meer von Spielzeug, neben meinem Gesicht hockt Noah, der auf mich zurobbt und mit seinem Spielzeugauto zur Begrüßung über mein Gesicht fährt. Mein Riechzentrum meldet sich: Volle Pampers! Wickeln ist angesagt. Am Anfang war es wirklich einer meiner leichtesten Übungen, die kleinen Stinkbomben sauber zu machen, doch mittlerweile versucht er sich wie ein glitschiger Fisch an Land von der Wickelunterlage zu drehen.  Finn ist währenddessen nebenan und mein kleiner Picasso sollte eigentlich nur seinen Malblock verschönern, doch dann nehmen meine Ohren das schreckliche Reiben von Wachsmalkreide auf Tapete wahr. Ich hechte mit Noah im Arm zurück ins Kinderzimmer und konfisziere die Tatwaffe. Nun schmückt eine Farbe mehr die eh schon augenkrebserregendbunte Tapete. Essenszeit.

Meine kleine Babysirene schreit sich die Seele aus dem Leib. Der Windelriechtest ist negativ ausgefallen. Mit ihr auf dem Arm geht es in die Küche, im Stehen wippend kippe ich das Milchpulver in das Fläschchen. Die Hälfte geht daneben, das weiße Pulver auf der Küchentheke sieht aus, als hätte ich gerade gekokst. Ich schütte das kochende Wasser in das Fläschchen, das eigentlich für das Abendessen gedacht war. Zum Glück machen kleine Salzkörner das Wasser noch nicht unbrauchbar.

Der Cooltwister übernimmt für mich den Rest. Wie ein Tropf im Krankenhaus leert sich die eine Flasche und Füllt sich die andere. Prinzessin es ist angerichtet, okay, ich habe Unordnung in der Küche angerichtet, aber deine Flasche ist fertig. Plopp und schon nuckelt die Kleine, als wäre nie etwas gewesen.

Kleines Baby große Sorgen, großes Baby noch größere Sorgen. Damit sie nicht das Schreikonzert ihrer Schwester fortsetzen, dürfen Noah und Finn ihre Spaghetti mit Tomatensoße selbst essen. Ich führe trotzdem Noahs  kleinen Arm, denn ich möchte nachher die Wohnung nicht renovieren müssen. Den „Schmeiß einige Spaghetti an die Wand, um zu sehen, ob sie schon al dente sind-Test “ hat er mittlerweile perfektioniert.

Spielplatz. Immer eine gute Idee. Die Prinzessin ist im Nu eingeschläfert und die zwei Großen beschäftigen sich fast eine halbe Stunde alleine. Als Babysitterin ist das High Life, ich sag's euch.  Wir bringen wie immer so viel Sand mit nach Hause, dass wir bald einen zweiten Sandkasten füllen könnten, und ratet mal was passiert, wenn man sagt: "Jungs, springt nicht in die Pfütze!"

Was nach dem Spielplatz selten ausfällt, ist es, die Kinder zu baden. Eigentlich sollten nur die Kinder nass werden, jedoch bin ich danach mindestens genauso nass. Okay,  geben wir zu: Wir haben es als Kinder in der Badewanne alle gemacht. Vor, zurück, vor, zurück, Tsunami! Aber ich habe gerade keinen Spaß daran. Ein Fluss bahnt sich durch das gesamte Badezimmer. Eine Quietsche-Ente macht sich gerade auf den Weg von der Badewanne zwischen den Klamotten in Richtung Waschbecken. Ich bin fix und fertig. Mila schläft zum Glück immer noch und als ich meine zwei Schäfchen wieder im Trocknen  und die Feuerwehr das Badezimmer wieder ausgepumpt hatte, erlöste mich die Mutter.

Melanie Kilian hat den Text im Rahmen einer Hausaufgabe zum satirischen Schreiben im Schuljahr 2017/2018 als Schülerin der 10c verfasst.

Annika Runz: Die Kunst des Lebens

Der Regen plätscherte an den mit Moos bewachsenen Dächern herunter und das Gras war schon ganz aufgeweicht. In meinen Schuhen stand das Wasser, sodass es bei jedem Schritt quietschte. Wieder einmal sah ich ihr beim Malen zu. Es faszinierte mich jeden Tag aufs Neue, wie ihre Hand mit einer Leichtigkeit über die Leinwand huschte. Sogar im Regen malte sie. Den meisten wäre das zu blöd. Aber sie sah an jedem Tag die Chance, ein neues Kunstwerk zu zaubern. Jetzt nutzte sie gerade den Regen, um wilde Farbtupfer zum Verlaufen zu bringen. Sie trug einen Hut, eine einfache, blaue Bluse und einen Rock und stand konzentriert vor ihrer Leinwand. Das war die einzige Erinnerung, die sie an ihre Mutter hatte, die einzige verbliebene Verbindung zu ihr. Und dieser regnerische Tag ist meine letzte Erinnerung an sie, das malende Mädchen, meine Tochter. Wie ich auf dem Rasen neben unserem Haus stand, unter meinem Regenschirm und ihr einfach nur zusah. In diesem Moment überkam mich so viel Stolz, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Genauso wie jetzt, mit dem Unterschied, dass die Tränen heute einen anderen Grund haben. Trauer anstatt Stolz, Schmerz anstatt Freude, Verzweiflung anstatt Zuversicht. Ich sitze in meinem alten Sessel und stütze die Unterarme auf die Knie. Mein Blick wandert auf eines ihrer Bilder mit einer Entenfamilie am See, das über der alten Kommode hängt. Erneut verschwimmt alles vor meinen Augen. Erst die Entenmama, dann das Entenbaby und irgendwann würde auch ich verschwimmen. Warum passiert das alles mir? Warum musste ich mitansehen, wie der  Krebs die Phantasie erst aus meiner Frau und dann auch noch aus meiner Tochter herausfraß, sie dann mit Haut und Haaren verschlang? Meine Tochter war das Einzige, das mich noch erfreut hatte. Durch sie hatte mein Leben einen Sinn. Aber jetzt? Es fühlt sich an, als würden Meere aus meinen Augen herauskommen. Ich spüre einen Stich auf der linken Seite meiner Brust und denke, die Trauer, die Leere in meinem Inneren würde mich umbringen.

Annika Runz hat den Text im Rahmen einer Schulaufgabe (Erzählen zu einem Bild) im Schuljahr 2016/2017 als Schülerin der 8e verfasst.

Elena Niedermeier: Schafswolle

"Du kannst doch nicht einfach ein Schaf stehlen!" Aufgebracht fuhr er sich durch sein dunkelblondes Haar. Verständnislos blickte ihn die junge Frau, die vor ihm saß, an. "Warum sollte ich das nicht können?", wollte sie wissen und richtete sich etwas in ihrem Stuhl auf, "ich habe es ja getan, also kann ich es sehr wohl." Er schlug die Hände vors Gesicht. "Vielleicht, weil es verboten ist?", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, doch die Frau lachte nur. "Ach was. Es wird schon nicht so schlimm sein, wenn ich es mir mal ausborge", meinte sie mit heiterer Stimme, "es ist ja nur für ein paar Tage und außerdem gefällt es ihm hier offensichtlich. Aber es braucht noch einen Namen. Fällt dir was ein?" Prüfend betrachtete sie das Schaf und streichelte ihm über den Hals. "Vera", sagte er nun etwas ruhiger, "du bist nicht ganz bei Sinnen." Seine Schwester war noch nie wirklich normal gewesen. Sie war immer besonders, war immer auffällig gewesen. Aber seit ihre Tochter Zoë gestorben war und man ihr ihre andere Tochter, Penelope, weggenommen hatte, war sie seiner Meinung nach nicht mehr zurechnungsfähig. Verglichen mit den anderen Dingen, die sie in den letzten Wochen getan hatte, war das Stehlen des Schafes eigentlich harmlos. "Ich bitte dich, geh zu einem Psychologen." Er streckte die Hand nach ihr aus, um ihr vorsichtig über die Schulter zu streichen, doch sie schreckte vor seiner Berührung zurück. "Aber Zoë liebt Schafe", entgegnete sie plötzlich sehr leise und jegliche Fröhlichkeit war aus ihrer Stimme gewichen. "Zoë ist nicht mehr", erwiderte ihr Bruder mit sanfter Stimme. "Es tut mir leid." "Ich weiß", flüsterte sie, "ich weiß das schon längst." Von ihren Wimpern tropften Tränen, heiße, salzige Tränen, die ihr über die Wangen liefen und in ihrem Schoß landeten. Ihre Arme legten sich um den Brustkorb und Hals des Schafes und sie presste schluchzend ihr Gesicht in die weiche Wolle des Tieres, was dieses nur mit einem leisen Blöken quittierte und ansonsten vollkommen ruhig stehen blieb. Und das Einzige, das der junge Mann tun konnte, war, seine weinende Schwester zu beobachten, denn egal, was er tat - sie ließ ihn nicht mehr an sich heran, nie mehr, denn er war derjenige, der ihr Zoë genommen hatte.

Elena Niedermeier hat den Text im Rahmen einer Schulaufgabe (Erzählen zu einem Bild) im Schuljar 2016/2017 als Schülerin der Klasse 8e verfasst.